Alpenquerung deluxe – zwischen Himmel und Meer

Dorthin - entlang der Grande Traversata delle Alpi Entlang der Grande Traversata delle Alpi

Weitwandern in Europa, fernab von überfüllten Freizeitpfaden, Zivilisation und Jakobsweg, ist möglich: Denn durch die Alpen zieht sich von Domodossola, im Norden Italiens, ein fast vergessener Pfad bis ans Mittelmeer nach Ventimiglia. Dieser Weg heißt GTA, die Grande Traversata delle Alpi, zu Deutsch, die große Alpenquerung. Der Pfad schlängelt sich auf den letzten 115 Kilometern über die schroffen Bergwände der Seealpen und atemberaubenden Pässe Piemonts, um schließlich zwischen Olivenhainen direkt ins Meer hinab zu fallen. Diesen Weg wollen wir gehen, getrieben von der Sehnsucht nach uriger Wildnis und Einsamkeit. Kleine Karte der Wanderung

Der Pfad über die Berge, der ins Meer münden wird
Es ist September in Trinità di Entracque, einem kleinen Weiler an der südfranzösischen Grenze. So klein, dass nicht einmal die italienischen Bahnbeamten uns sagen konnten, wie wir dort hinkommen sollten. Wir sind vermutlich die letzten Wanderer, die sich in diesem Jahr noch über die Pässe ans Meer wagen. In wenigen Wochen werden  die Berge, gewälzt in Puderzucker, ihre Winterruhe antreten. Jetzt liegen die nächtlichen Temperaturen in diesen luftigen 2000 Metern Höhe bei unter 5 Grad. Doch mit jedem Schritt werden wir der mediterranen Cote A’Zur näher kommen, so lange bis es warm, wärmer, heiß ist.

Die Aussicht läd zum Rasten ein
Die erste von neun Etappen führt uns über den Costa di Panard zum Talschluss unter dem Ciotto Mieu-Pass. Die steilen Aufstiege werden mit traumhaften Panoramablicken in unbewohnte Täler belohnt. Kein Wunder, dass es Wildhütern gelang an diesem entlegenen Ort wieder Wölfe anzusiedeln. Doch vor den scheuen Tieren braucht man sich nicht zu fürchten. Lautlos und elegant bewegen sie sich im Rudel durch die üppig grünen Wälder und nur wer Glück hat und sich ebenso leise fort bewegt, bekommt sie zu Gesicht.

Traumhafte Pfade ...
Der zweite Tag zwei beginnt mit einer Kletterei. Der Weg verwandelt sich in eine Geröllpiste, die gefährlich schmal und steil zum höchsten Grad der Tour auf über 2300m hinaufführt, das letzte Stück sorgt eine Steighilfe in Form eines Drahtseils für mehr Sicherheit. Hier oben peitscht uns der Wind ins Gesicht. Beim Blick über die umliegenden Täler wird uns bewusst, wie klein wir im Schatten der Alpen doch sind. Wie Ameisen auf dem Mount Everest. Zielpunkt des Tages ist einer der ältesten Skiorte Italiens, dessen malerischer Name Limonetto jedoch trügt. Eine rostige Liftanlage zeugt vom längst vergangenen Winterzauber, leere klotzige Hotelburgen verunstalten das alpine Postkartenmotiv und ein Hund liegt träumend auf der Straße. Von diesem Eindruck abgeschreckt begeben wir uns über die alte Römerstraße auf den Tenda-Pass.

Das gewaltige Ford Central
Bis zu 40 km lässt die Sicht zu. Die atemberaubende Aussicht wird durch aneinandergereihte, riesige verlassene Festungsanlagen aus der Mussolini-Ära unterbrochen. Es ist kaum vorstellbar, dass an dieser Stelle unzählige Soldaten stationiert waren und Panzer das Bild beherrschten, um die italienisch-französische Grenze zu bewachen. Heute bevölkern den Grenzkamm Schwadronen von Heuschrecken und auf den gigantischen steinernen Kasernenblöcken wuchert das Gras. Mit Gänsehaut verlassen wir das tote und gespenstisch wirkende „Fort Central“ und steigen, von Wölfen beobachtet, hinab in das französische „Villon du Refrei“.

Tende im Herzen des Villon du Refrei
Die verheißungsvollen Ortsnamen Tende und La Brigue, lassen uns während des Wanderns von warmem Brot und rotem Wein träumen. Getrieben vom imaginären Duft des Brotes werden unsere Schritte immer schneller. Und Tende enttäuscht uns nicht. Mit strahlenden Augen erleben wir diesen urigen Ort. Er ist charmant, unperfekt mit seinen hunderten bröckelnden Brunnen, mit Nachbarn die noch miteinander reden und einer französischen Katze, die sich sorglos in der Abendsonne aalt. Die Zeit scheint in Tende stillzustehen und die Hektik des Alltags liegt weit entfernt.

Geschafft! Wir sind in Ventimiglia!
In den nächsten Tagen folgen wir dem ligurischen Höhenweg. Die Anstiege werden flacher, die Abstiege länger. Und nach kurzer Zeit blitzt es endlich auf, das Meer. Von hier oben können wir schon die Lichter Ventimiglias sehen. Die letzten 25 Kilometer erwandern wir den Umbruch vom alpinen Hochland ins mediterrane Hügelland. Weinberge und Olivenhaine dominieren jetzt die Landschaft, ein betörender Duft von Rosmarin liegt in der Luft. Und für die letzten zwei Stunden reiht sich Hügel an Hügel. Unsere müden Füße sehnen sich nach einer Abkühlung im Mittelmeer. Acht Tage haben sie uns durch die Berge getragen und nun wird es Zeit anzukommen. Wir steigen den letzten Hügel hinab, der Straßenlärm und die brodelnde Hitze des Asphalts stoßen uns ins Gesicht. Die Menschenmasse verschluckt uns, doch wir wissen es besser als die brutzelnden Touristen am Strand: das wahre Paradies Italiens liegt entlang der GTA.



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